Wie leben Kinder in Norwegen?
An Silvester 2002 war es soweit: Die Koffer wurden für immer gepackt. Die Reise ging nach Kongsberg, einer Stadt mit 23 000 Einwohnern zwischen Oslo und Bergen. In einem Vorort fanden sie ein Haus. Als Joscha dort in den Kindergarten kam, fiel ihm zunächst die Sprache schwer. Viele Wörter haben mehrere Bedeutungen. „Jo heißt ja und doch“, erklärt Joscha. „Es hat drei Monate gedauert, dann konnte ich immerhin schon die Hauptwörter“, erzählt der Schüler.
Und weil Norwegisch eine germanische Sprache und deshalb mit dem Deutschen verwandt ist, war es mit der Zeit dann doch nicht allzu schwer, die Sprache zu erlernen. Schon als er in die erste Klasse kam, war es kein Problem mehr für ihn. „Es leben viele Deutsche in Norwegen“, weiß Joscha. Auch in seiner Klasse sind zwei: einer aus Düsseldorf, einer von der Insel Rügen. Es gibt auch viele Kinder, die eine deutsche Mutter und einen norwegischen Vater haben, oder umgekehrt. Auch die sprechen deutsch.
Joscha geht in eine sogenannte Kinderschule. Die geht vom ersten bis zum siebten Schuljahr. Und das Beste ist: Es gibt hier keine Noten. „Die gibt es erst in der Jugendschule ab dem achten Schuljahr“, sagt Joscha. Die besucht sein älterer Bruder Jannik (15). Joschas Schwester Laila (5), die bereits in Norwegen zur Welt kam, geht noch in den Kindergarten.
Joschas Vater arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus in Kongsberg. Seine Mutter behandelt Patienten in einer eigenen Arztpraxis in der Stadt. Sie sagt, dass sie in Norwegen viel leichter berufstätig sein und auch Kinder haben kann als in Deutschland. „In Deutschland gibt es viel weniger Kinder als in Norwegen“, sagt Nadja Ernst, „hier haben viele Familien drei und mehr Kinder.“
Immer wenn sie mal wieder nach Deutschland fahren und Verwandte besuchen, fällt ihnen auf, dass das Leben in Norwegen viel gemütlicher ist. „In Deutschland ist alles so schnell und es gibt so viele Autos“, beklagt Joschas Mutter.
Joscha kommt dennoch gern hin und wieder nach Deutschland. „Dann esse ich immer den guten Aldi-Apfelmus“, erzählt er. In Norwegen isst man Apfelmus als Marmelade. Noch lieber mag er aber Maultaschen. So etwas gibt es in Norwegen nicht. Überhaupt ist die Auswahl an Lebensmitteln in Norwegen nicht so groß wie in Deutschland. Aber das findet er auch gar nicht so wichtig. Es gibt in Kongsberg auch keine Ampeln, nur Kreisverkehr, und auch kein McDonalds, doch das vermisst er auch nicht wirklich.
Toll findet Joscha, dass er im Winter mit den Langlaufskiern zur Schule fahren kann: „Wir wohnen direkt an der Loipe“. Der Weg ist nicht weit, nur 1,5 Kilometer. Im Sommer fährt er die Strecke mit dem Rad. Seine Lieblingsfächer sind Sachkunde, Geschichte, Sport, Kochen, Werken und Naturfach. Das ist ein eigenes Schulfach in Norwegen. Hier wird alles rund um Tiere, Pflanzen und Naturwissenschaften durchgenommen.
Joscha nimmt auch am Hausaufgabenunterricht für Ausländer teil. Außerdem spielt er Saxophon im Kinderorchester und klettert gern in seiner Freizeit. Ob er wieder zurück nach Deutschland kommen möchte? Nein, das ist für ihn gar kein Thema. Auch nicht für seine Eltern. Sie haben in Norwegen ihre neue Heimat gefunden, kommen gern zu Besuch nach Deutschland, fahren dann aber auch gern wieder heim nach Kongsberg.

