Wie leben Kinder in Indien?
Morgens um 4.30 Uhr läutet eine der Erzieherinnen die Glocke zum Aufstehen
Wie leben Kinder in Indien? Diese Frage kann man eigentlich in einem einzigen Artikel gar nicht beantworten. Indien ist ein riesiges Land mit vielen Facetten - von extremer Armut bis hin zu großem Reichtum.
Wir begeben uns in den Nord-Osten des Landes, nach Diyun, einer 20 000-Einwohner-Stadt im Staat Arunaschal Pradesh an der Grenze zu China und Myanmar. Hier haben derzeit 148 Mädchen des Internats ,,Rita Girls Home" die Möglichkeit in die Schule zu gehen. Das Internat wird mit Hilfe einer Stiftung finanziert und die Schülerinnen werden durch Patenschaften aus Europa unterstützt. Es gibt in diesem Land nämlich auch sehr viele Kinder, die gar nicht in die Schule gehen können, weil ihre Eltern zu arm sind oder sie selbst arbeiten müssen. In Diyun beispielsweise sind die Hälfte aller Einwohner Analphabeten, das heißt sie können gar nicht lesen oder schreiben.
Die Familie von Lydia, 11 Jahre, aus Seeheim, unterstützt zwei Patenkinder in Indien. Die beiden heißen Yankee Nati Tsering (8 Jahre) und Viriya Bodh (17). Im Dezember besuchten Lydia und ihre Mutter Sabine ihre Patenkinder während einer dreieinhalbwöchigen Indien-Reise. Lydia hat dem Kinder-Echo ihre Eindrücke von der Reise geschildert und über den etwas anderen Tagesablauf ihrer Freundin Nati berichtet...
Bevor Lydia von Natis (Schul-)-Alltag erzählt, fällt ihr ein Bild ein, dass sie so schnell nicht mehr vergessen wird. ,,Da sind ein Mann, eine Frau, ein Kind und ein großes, ausgewachsenes Schwein tatsächlich alle zusammen auf einem kleinen Motorroller gefahren. Die haben alle draufgepasst, so was ist normal in Indien", erinnert sie sich und lacht. In den größeren Städten sei es teilweise total vergammelt gewesen, an anderen Ecken dann aber auch wieder sehr schön und bunt. Vor allem aber das Leben von Nati verlaufe völlig anders als bei uns. ,,Wir haben ja auch für ein paar Tage in dem Internat gewohnt, da habe ich mal mitbekommen, wie der Tagesablauf dort aussieht", erzählt Lydia. Die jungen Inderinnen - sie besuchen die 1. bis 9. Klasse und sind im Alter zwischen 4 und 15 Jahren - schlafen alle zusammen in großen Schlafsälen mit je 50 Mädchen und einer Betreuerin. Jedes Mädchen hat ein eigenes Bett - und diese gerade mal 90 x 1,90 Meter kleine Fläche ist eigentlich der einzige ,,persönliche" Raum, den ein Kind hat und auf dem es ,,seine" persönlichen Dinge unterbringen muss. Darüberhinaus gibt es noch ein kleines Schrankfach. ,,Die Kinder dort sind trotzdem glücklich und lachen viel. Sie wissen, dass sie viel Glück haben, überhaupt eine Schule besuchen zu können, während viele Gleichaltrige hart in Fabriken oder auf Feldern arbeiten müssen und vielleicht nie die Möglichkeit bekommen, Hindi, Englisch, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen", erzählt Lydia. Die Sprachen sind nämlich sehr wichtig, um sich später in ganz Indien um Ausbildung, Arbeit und Informationen aus dem Internet kümmern zu können. Morgens um 4.30 Uhr läutet eine der insgesamt vier Erzieherinnen die Glocke: Mitten in der Nacht? Ja, Zeit zum Aufstehen! Spätestens um 4.45 Uhr hört man 148 nackte Fußpaare über den Korridor trippeln - die Kinder sind auf dem Weg in den Waschraum zum Waschen und Zähneputzen. ,,Als wir dort wohnten, war fast jeden Morgen Stromausfall, so dass viele mit Kerzen und Taschenlampen unterwegs waren", berichtet Lydia. Wasser kommt nicht etwa aus der Leitung: Die Mädchen müssen das kostbare Gut mit einer Handpumpe in Eimer füllen. Eimer stehen auch neben jeder Toilette, übrigens Bodentoiletten. Warum? ,,Der Po wird nicht mit Toilettenpapier abgeputzt, sondern mit Wasser abgewaschen", hat Lydia erfahren.
Um 8.30 Uhr läutet die Schulglocke, jetzt fängt die Schule an. Unterrichtet werden die Kinder von Lehrern, Lehrerinnen und den Mönchen in Klassen mit jeweils nur 8 bis 10 Kindern bei den Jüngeren und bis zu 25 in den höheren Klassen. In den staatlichen Schulen Indiens hingegen besteht eine Klasse manchmal aus bis zu 150 Schülern! Der Klassenraum von Nati ist sehr einfach ausgestattet: eine Tafel, ein paar Tische und Sitzbänke, kein Schnickschnack. Die Schulbücher werden von mehreren Kindern geteilt. Nati ist sehr froh, hier lernen zu können. Sie gehört wie viele ihrer Mitschülerinnen zu einem von vielen kleinen Stämmen des unterentwickelten Gebiets im Nord-Osten Indiens, die nur ihren eigenen Dialekt verstehen und sich mit anderen Leuten aus Nachbardörfern gar nicht verständigen können.






