18. August 2010 | Von Andrea Stütz

Die Riesenschildkröte

Exotische Tiere (Teil 17)

Riesenschildkröte "Porsche"
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Nase Voll: Porsche hat soeben ein Schlückchen Wasser durch die Nasenlöcher geschlürft. Foto: Andrea Stütz

Die Flamingos im Vivarium krächzen, die Affen kreischen. Dazwischen herrscht Stille: Mike genießt die Morgensonne. Er liegt da wie ein Stein. Nur fürs Foto hebt er in aller Seelenruhe seinen Kopf. Im Haus des neuen Riesenschildkröten-Geheges im Vivarium schlummert ,,Porsche" unbeweglich im Wasserbecken. ,,Adam" und ,,Nina" haben sich - Nase voran - in die Ecke gequetscht. Kein Mucks ist zu hören. So sind Schildkröten eben: still, friedlich und unauffällig...

 
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Rutsch mir den Buckel runter – Adam (rechts) hat keine Lust auf Fotos. Foto: Andrea Stütz
Wobei unauffällig bei solchen Brummern nur teilweise stimmt. Denn bei gut genährten und älteren Riesenschildkröten wölbt sich der harte und beim Anklopfen hohl klingende Panzer gut einen halben Meter hoch. Sie erreichen bis zu 1,30 Meter Körperlänge und 250 Kilogramm Gewicht. Nicht selten sogar mehr! Wobei die Weibchen in der Regel kleiner und leichter sind als die Männchen.

Ein Schnappschuss von Riesenschildkröte Adam ist also nur mit seiner Hilfe möglich. Doch dazu ist der 213 Kilogramm schwere Koloss nicht zu bewegen. Selbst wenn Vivariumsleiter und Tierarzt Thomas Becker beherzt mit anpackt. Da nützt kein Kraulen, Schieben und Tätscheln! Oder doch? Adam erhebt sich im Zeitlupentempo. Dabei knatscht seine graue, faltige Haut. ,,Die fühlt sich ähnlich trocken und rau wie bei einem Elefanten an", sagt Becker. Adam steht auf seinen gut 25 Zentimeter langen säulenförmigen Beinen und kommentiert: ,,Chrrrrchhh." Ein langezogenes Fauchen. Eines der wenigen Geräusche, die Schildkröten von sich geben - sofern sie sich gestört fühlen. Adam hat also keine Lust, und mit einem Rums lässt er sich an gleicher Stelle plumpsen. Seinen langen Hals und den Kopf legt er wieder auf dem Boden ab.

Eigentlich können Riesenschildkröten wie ihre kleineren Verwandten ihren Hals im Panzer verbergen. So schützen sie sich. Denn schnell weglaufen können sie nicht. Einmal in Gang gekommen, legen Riesenschildkröten einen Kilometer pro Stunde zurück. Also würde sie jeder Feind einholen.

Aber für die wuchtigen Vertreter ist das Kopfeinziehen sehr anstrengend. Das machen sie nur im Notfall. Sie können so nämlich nur schlecht atmen, weshalb sie ihre Gliedmaßen lieber unter dem Panzer hervorlugen lassen.

Apropos Panzer: der ist das Markenzeichen von Schildkröten. Er besteht aus Knochenplatten, über denen bei den beiden Riesenschildkrötenarten, die es gibt, ein Hornschild liegt. Den Bauch schützt ebenfalls ein Panzer.

Bei den Riesenschildkröten gibt es verschiedene Panzerformen. Manche sind rund wie eine Kuppel, andere sehen aus wie ein Sattel mit vorne hochgebogener Kante. Nicht dass ihr jetzt denkt: zwei Panzerformen, zwei Riesenschildkrötenarten - klar, passt doch: Für jede Art ist eine Panzerform typisch. Stimmt nicht!

 
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Aldabra-Riesenschildkröte Mike genießt im Vivarium die Morgensonne. Nur fürs Foto hebt er langsam den Kopf und betrachtet interessiert die Kamera. Foto: Andrea Stütz
Es gibt zum einen die Riesenschildkröten, die auf dem Galapagos-Archipel leben. Durch diese Schildkröten kamen die Inseln zu ihrem Namen: Als spanische Seefahrer dort landeten und die massigen Kriechtiere sahen, waren sie so von ihnen beeindruckt, dass sie das Eiland ,,Galapago" nannten, das spanische Wort für Schildkröte.

Von den Galapagos-Schildkröten gab es einmal 14 Unterarten, die sich auf die Inseln des Archipels verteilten. Drei davon sind ausgestorben und von einer gibt es nur noch ein lebendes Exemplar: ,,Lonesome George" (einsamer Georg). Forscher versuchten bislang vergeblich, auf Georges Heimatinsel Pinta oder auf den anderen Galapagos-Inseln noch Artgenossen zu finden. Stirbt das etwa 100 Jahre alte und in einer Schutzstation umpflegte Männchen eines Tages, stirbt mit ihm wohl eine ganze Unterart aus. Auch viele der anderen Unterarten sind vom Aussterben bedroht.

Unter den Galapagos-Schildkröten sind je nach Insel nicht nur verschiedene Farbgebungen von bronzefarben über grau bis schwarz zu finden, sondern auch beide Panzerformen. Forscher glauben, dass die Form des Panzers etwas mit dem Lebensraum der Tiere zu tun hat: Fressen die Tiere auf einer Insel mehr an Büschen und Sträuchern, hat sich im Laufe der Evolution (allmähliche Entwicklung der Lebenwesen) der Panzer vorne sattelförmig nach oben gewölbt, so dass sie ihren Hals hoch recken können. Bei den Arten, die ihr Futter am Boden suchen, sind die kuppelförmigen Panzer zu finden.

Aber egal, wie unterschiedlich die Unterarten aussehen, eines ist den Galapagos-Schildkröten gemeinsam: Sie ernähren sich vegetarisch. Auf dem Speiseplan stehen Gräser, Blätter, Flechten, Früchte und Kakteen.

Um Wasser und Futter aufzunehmen, wandern sie gruppenweise in gewissen Zeitabständen auf den immer gleichen Trampelpfaden in höher gelegene und üppiger bewachsene Gefilde. Nach einigen Tagen des Schlemmens geht es dann wieder zurück.

Auf dem Speiseplan der Seychellen-Schildkröten steht dagegen eigentlich alles: Gräser, Früchte, Fisch, Aas und Kot. Bei frei lebenden Tieren sollen sogar schon Plastik-Badelatschen von Urlaubern im Magen verschwunden sein...

Plastik bekommen die Seychellen-Schildkröten im Vivarium natürlich nicht zu fressen. Ungewöhnliche Gelüste haben Adam und die anderen aber auch: ,,Neben Heu, Obst und Gemüse sind scharfe Peperoni bei ihnen heißbegehrt", erzählt Becker. ,,Das ist dann für die Pfleger toll, wenn sie am nächsten Morgen ins Schildkrötenhaus kommen und die Luft in den Augen brennt." Warum? Weil die Tiere nachts Peperoniwinde gepupst haben...

Da Seychellen-Schildkröten in freier Wildbahn nur noch auf einer der Seychellen-Inseln, nämlich Aldabra, vorkommen, heißen sie auch Aldabra-Riesenschildkröten.

 
Auch Galapagos-Schildkrötenhaben lange Beine.
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Auch Galapagos-Schildkrötenhaben lange Beine – auf denen sie sich in Positur bringen. Foto: © Ibefisch/pixelio.de
Diese Schildkrötenart hat sich ebenfalls an ihre Umgebung angepasst. Da Aldabra eine extrem karge Inselgruppe ist, auf der es keine Wasserquelle gibt, haben diese Schildkröten eine Technik entwickelt, mit der sie kleinste Mengen Wasser wie den Morgentau aus Ritzen und Spalten heraussaugen: Aldabra-Schildkröten können durch ihre schlitzförmigen Nasenlöcher trinken. Sie drücken die Nase fest auf den Boden und atmen die Flüssigkeit ein.

Das können die Verwandten von den Galapagos-Inseln nicht. Allerdings haben sie genauso wie ihre Verwandten von den Seychellen ausgesprochen feine Nasen: ,,Riesenschildkröten können Wasser aus großen Entfernungen riechen", sagt der Vivariumsleiter. Auch sehen können Riesenschildkröten gut. Das einzige, was sie nicht können: hören wie wir Menschen. Die Panzertiere haben keine Hörmuschel. Dafür sind sie extrem feinfühlig für Erschütterungen und Luftdruckschwankungen. Sie spüren also zum Beispiel im Voraus, ob es regnen wird.

Mit der Zeit haben die Aldabra-Schildkröten aber auch ihre Umgebung verändert. Dadurch, dass die Tiere in den kühleren Morgen- und Abendstunden in Gruppen ganze Flächen abgrasen, haben die Pflanzen kaum eine Chance zu wachsen. Ständig werden die Spitzen abgefressen. ,,Die Flächen, auf denen die Schildkröten grasen, sehen immer wie abgemäht aus", sagt der Tierexperte. Dadurch hat sich auf Aldabra eine spezielle Mischung von kurz wachsenden Pflanzen, Blüten und Gräsern entwickelt, der sogenannte ,,Schildkrötenrasen".

Da die Aldabra-Schildkröten wie die Galapagos-Schildkröten hauptsächlich Pflanzen oder Früchte fressen, haben sie statt Zähnen einen Hornschnabel. Damit können sie zum Beispiel die Gräser besser abrupfen.

Aber Achtung: ,,Keine Zähne" heißt nicht, dass es nicht weh tut, wenn eine Riesenschildkröte zuschnappt. Im Gegenteil! ,,Die Kanten sind messerscharf. Deshalb sollten Kinder die Schildkröten lieber nicht füttern. Die Tiere beißen einfach zu", warnt der Leiter. Aber nicht weil sie aggressiv wären, sondern ,,sie unterscheiden einfach nur nicht zwischen Gras und Hand".

Stinkig werden nämlich höchstens einige der Galapagos-Arten, heißt es. Meistens gegen Artgenossen, wenn diese ihnen in der großen Mittagshitze den Schattenplatz unter Bäumen und Sträuchern streitig machen wollen. Den behalten die eher einzelgängerisch veranlagten Galapagos-Schildkröten sicherheitshalber für sich. Denn zu große Hitze ist für die wechselwarmen Tiere gefährlich, da sie leicht überhitzen könnten. Als wechselwarme Tiere können sie nämlich nicht, wie etwa Menschen, den Körper durch Schwitzen herunterkühlen.

Dieses Problem haben auch die Aldabra-Schildkröten. Da auf dem Seychellen-Atoll noch weniger Schatten zur Verfügung steht, geben sich diese Schildkröten notgedrungen geselliger: Im Schatten reihen sie sich tagsüber dicht aneinander und stapeln sich bisweilen auch in mehreren Schichten übereinander... Hauptsache Schatten! Aber auch ohne Platznot ist's gemeinsam schöner. Zumindest scheinen das Adam und Nina zu finden - wenn sie sich zusammen in die Ecke quetschen.

 



Inhalt der Januarausgabe:
  • Im letzten Kinder-Echo des Jahres 2011 haben sich die Redakteurinnen Christina Kolb und Andrea Stütz von Euch verabschiedet. Wer Eure neuen Ansprechpartner sind, erfahrt Ihr jetzt in der Januarausgabe.
  • Die Berufeserie geht weiter: Wir haben für Euch gefragt, was eigentlich eine Logopädin macht.
  • In der Exotenserie stellen wir Euch diesmal die Bonobos vor.
  • Und Kinder-Echo-Leserin Charlotte Scheibel erklärt Euch ihr Hobby: das Voltigieren.
  • Natürlich gibt es auch im neuen Kinder-Echo noch vieles mehr zu entdecken: Rätsel, Gewinnspiele, Tipps und weitere interessante Geschichten und Berichte. Am besten findet ihr es einfach selbst im neuen Kinder-Echo heraus!

Viel Spaß beim Durchforsten der neuen Ausgabe und dem Entdecken noch vieler anderer Themen wünscht euch das Kinder-Echo-Team!

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