30. Juni 2010 | Von Andrea Stütz

Die Piranhas

Exotische Tiere (Teil 16)

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Durch die glitzernden Punkte am Körper können die Piranhas ihre Artgenossen auch im trüben Wasser gut erkennen. Foto: © Cliff/wikipedia.org

Er wird ungefähr so groß wie die Längsseite eines DIN-A4-Blattes lang ist. Trotzdem soll er ein Tier von der Größe einer Kuh ohne zu zögern angreifen und bis aufs Skelett abfressen... Das klingt nach einem blutrünstigen Monster aus einem Horrorfilm? In der Tat, um den Piranha ranken sich viele gruselige Geschichten. Doch was stimmt? Ist dieser Fisch wirklich blutdurstig und angriffslustig?

Das wollte das Kinder-Echo wissen. Da Piranhas aber nur in Südamerika in Süßwasserflüssen wie dem Amazonas, dem Orinoco oder dem Rio Paraná leben, mussten wir in den Zoo fahren, um nachzuforschen.

Schon beim Blick in das Piranha-Becken im Opel-Zoo bei Kronberg stellen wir fest: So monstermäßig sehen die gar nicht aus... Von der Seite gesehen haben Piranhas, die zur Familie der Salmler gehören, eine ovale Form und einen hohen Rücken. Dafür sind ihre Seiten flach zusammengedrückt. Die Piranhas sind grau, manche haben dunkle Flecken. Die Brust und der Bauch sind beim bekanntesten, dem ,,Roten Piranha" rötlich gefärbt. Mit zunehmendem Alter werden sie dunkler, manche fast schwarz.

Piranhas haben einen silbrigen Glanz und glitzernde Punkte am Körper. ,,Da Piranhas gerne in trüben Gewässern schwimmen, hilft ihnen das Glitzern dabei, ihre Artgenossen zu sehen", erklärt Peter Schramm, der Revierleiter der Aqua- und Terraristik im Opel-Zoo ist. ,,Sehen die Piranhas sich vor lauter Schwebstoffen und aufgewirbeltem Sediment im Wasser trotzdem nicht mehr, wird ein bisschen geknuspert", ergänzt der Experte. Das heißt, die Piranhas stoßen Knackgeräusche aus, um ihren Schwarm zu finden. Doch meistens reicht ihr Glitzerlook.

 
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in Flüssen wie diesem Nebenarm des Amazonas leben die Piranhas. Foto: Andŕe Bachmann

Typisch für diese Fische ist der vorstehende Unterkiefer, der die berüchtigten messerscharfen Zähne freilegt. Und lasst euch nicht täuschen, wenn ihr mal Gelegenheit habt, die Piranhas aus der Nähe zu betrachten: Das bisschen Beißerchen, das ihr sehen könnt, ist nur ein Teil des Zahns. Der größere Teil der fünf bis sechs Millimeter langen Zähne wird von Lippenhäuten geschützt. Denn den Zähnen darf nichts passieren: Einmal herausgebrochen, wachsen sie nicht mehr nach. Insgesamt sind die Zähne so groß, dass die Fische ihr Maul nicht ganz schließen können. Deshalb ist gut zu erkennen, dass die Zähne des Unterkiefers genau in die Zwischenräume des Oberkiefers passen - wie bei einer Schere. Ohne Probleme können die Tiere mit diesen Werkzeugen extrem hartes Muskelgewebe ,,zerschneiden" - und angeblich sogar dünne Stahlteile am Angelhaken, behauptet so mancher Angler. ,,Der Fisch schlägt mit seinen auffälligen Zähnen eben aus der Reihe der anderen Fischarten", fasst Schramm zusammen.

Die Zähne sind einer der Gründe, weshalb viele Gruselgeschichten über die Tiere kursieren. Doch Schramm räumt mit einigen Vorurteilen auf und überrascht mit einer unerwarteten Erkenntnis: ,,Insgesamt gibt es fast 40 Piranha-Arten und davon sind mehr als 30 Vegetarier, die sich von Früchten und was sonst noch so ins Wasser fällt, ernähren."

Und die fleischfressenden Piranhas? Pirschen die blutdurstig durchs Gewässer und fallen alles an, was ihren Weg kreuzt? ,,Piranhas sind vor allem ängstlich und schreckhaft!", sagt Schramm. ,,Wenn die Leute zum Beispiel ans Becken klopfen, ergreifen sie panikartig die Flucht." Dann donnern sie auch mal mit Karacho an die Glasscheibe oder dotzen an Stämme und Steine. Davon zeugen die Narben auf der Stirn, die Piranhas oft haben.

Wer hätte das gedacht: Statt anzugreifen, hauen die Fische lieber ab! Deshalb haben die Ureinwohner am Amazonas oder anderen Piranha-Flüssen keine Angst davor, in der Nähe der Tiere schwimmen zu gehen. ,,Um gezielt einfach so anzugreifen, haben die Fische zu wenig Grips", bestätigt der Experte.

Trotzdem sind Piranhas nicht ungefährlich. In bestimmten Situationen greifen sie doch an - auch Menschen oder größere Tiere -, und zwar zu jeder Tageszeit und nicht nur in der Dämmerung, während der sie am aktivsten sind. Wer eine blutende Wunde hat, sollte ein Piranha-Gewässer meiden. Schon wenige Tropfen Blut nehmen die Tiere mit ihrem extrem gut ausgeprägten Geruchssinn wahr. ,,Dann geraten sie in einen Fressrausch und beißen zu", erzählt Schramm. Und beißt der erste zu, gibt es für die anderen Piranhas kein Halten mehr...

Zu einem Piranhaschwarm können ohne weiteres mehrere hundert Fische gehören. Für einen Menschen soll aber schon der Angriff von 30 Tieren gefährlich sein, behaupten einige Fachleute.
 
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Die spitzen Zähne des Piranhas werden von den Lippenhäuten geschützt. Foto: © Andrewself/en.wikipedia

In Aufruhr gerät so ein Piranha-Schwarm auch, wenn ein Tier oder Mensch im Wasser strampelnde, hektische Bewegungen macht. Dies nehmen die Piranhas mit Hilfe ihres Seitenlinienorgans, das sich an den Seiten der Tiere dicht unter der Haut entlang zieht, wahr. Das Organ besteht aus empfindlichen Nervenzellen, anhand derer die Fische kleinste Strömungs- und Druckveränderungen, also etwa paddelnde, strampelnde Bewegungen aufspüren können. ,,Diese unnatürlichen Bewegungen im Wasser locken die Raubfische an", erklärt der Zoo-Experte.

Sowohl Blut als auch hektische Bewegungen im Wasser vermitteln dem Piranha nämlich: Da ist ein krankes, verletztes oder sterbendes Tier. Das heißt für ihn: leichte Beute. Also drauf los! Das gilt für Landtiere, die durchs Wasser laufen genauso wie für andere Fische, seine liebste Beute. Sogar Artgenossen greift er an.

Aus diesem Grund werden die Piranhas in Südamerika auch ,,Carabito" oder ,,Caribe" genannt, was übersetzt Kannibale heißt. Als Kannibale werden Lebewesen bezeichnet, die Artgenossen verspeisen.

,,Dem Piranha ist es egal ob Artgenosse oder nicht", erklärt Schramm. ,,Stirbt ein Fisch und tritt die Flüssigkeit aus seiner Schwimmblase aus oder er macht zappelnde Bewegungen bei der so genannten Todesrolle, werden im Rausch auch die eigenen Leute gefressen." Dazu beißen die Piranhas feste zu, machen wie Haie rüttelnde Bewegungen, um einen Brocken aus der Beute herauszureißen, schwimmen damit weg und beginnen in etwas Abstand zu fressen. ,,Die Tiere sind dann so gierig, dass wir beim Füttern auf die Menge achten müssen: Bekommen sie zuviel, fressen sie rein wie verrückt und spucken plötzlich wieder alles aus", erzählt Schramm von seinen Zoo-Piranhas.

Mitunter gehen die Piranhas dabei auch auf das Maul eines Schwarmmitglieds los, um was abzubekommen. Deshalb kann es passieren, dass sie beim Fressen andere in ihrem Schwarm verletzten. Es ist zum Beispiel nicht selten, dass einem Piranha ein Auge fehlt. ,,Meistens wurde dieses von einem anderen Piranha im Fressrausch herausgebissen", sagt Schramm. ,,Das passiert besonders bei Jungtieren öfter."

Zum Glück heilen bei den Piranhas Wunden ganz schnell. Das ist ihre Versicherung, um von Artgenossen nicht als verletzt entlarvt und dann gefressen zu werden.

Auch sonst sind Piranhas extrem robust und haben ein starkes Immunsystem, das sie gegen viele Krankheiten unempfindlich macht. So stecken sie sich nicht an, wenn sie kranke Tiere erlegen. Und es hilft ihnen, nicht mal krank zu werden, wenn sie im Wasser treibendes Aas fressen.

Dank ihrer Fressvorlieben übernehmen die Tiere eine wichtige Funktion für die Flüsse, in denen sie leben. ,,Wie die Hyänen an Land sind die Piranhas im Wasser so etwas wie die Gesundheitspolizei, weil sie alles wegfressen, was Krankheiten und Seuchen übertragen könnte", betont der Experte.

Der Piranha ist also weniger Gefahr als ein wichtiger Gehilfe für seine Umwelt. Zudem ist er beliebtes Futter von vielen Tieren wie Reihern, Kaimanen oder Riesenottern - und auch auf dem Speiseplan des Menschen steht er. In Südamerika gilt der Piranha als Delikatesse. Als praktische noch dazu, denn: ,,Die Ureinwohner essen nicht nur das Fleisch, sondern verwerten den ganzen Fisch. Sie machen aus seinen Knochen und Zähnen Rasiermesser und Kämme", sagt Schramm.

B eim Fang kommt es übrigens zu den meisten Verletzungen durch Piranhas - und nicht etwa durch Angriffe im Wasser, wie viele meinen! Glitscht ein Piranha einem Angler beim Lösen vom Haken aus der Hand, beißt er aus Panik natürlich zu. Da seine Zähne nun aber so scharf sind, kann er dabei eine Fingerkuppe abtrennen.

In manchen Gegenden Südamerikas ist das Fangen und Verspeisen von Piranhas aus einem anderen Grund viel gefährlicher, wie Schramm erzählt: ,,Viele Goldsucher gewinnen Gold, indem sie es mit giftigem Quecksilber auswaschen. Dabei gelangt das Quecksilber in die Flüsse. Das nehmen die Piranhas zu sich, entweder direkt über das Wasser oder wenn sie Tiere, die durch das Gift sterben, auffressen. Hat der Mensch Glück, stirbt der Piranha, bevor er ihn fängt..." Werden die vergifteten Tiere doch noch gefangen und verspeist, essen die Menschen das Gift mit und vergiften sich selbst. Somit wird der Piranha eigentlich erst durch den Menschen zur größten Gefahr für den Menschen.

 



Inhalt der Januarausgabe:
  • Im letzten Kinder-Echo des Jahres 2011 haben sich die Redakteurinnen Christina Kolb und Andrea Stütz von Euch verabschiedet. Wer Eure neuen Ansprechpartner sind, erfahrt Ihr jetzt in der Januarausgabe.
  • Die Berufeserie geht weiter: Wir haben für Euch gefragt, was eigentlich eine Logopädin macht.
  • In der Exotenserie stellen wir Euch diesmal die Bonobos vor.
  • Und Kinder-Echo-Leserin Charlotte Scheibel erklärt Euch ihr Hobby: das Voltigieren.
  • Natürlich gibt es auch im neuen Kinder-Echo noch vieles mehr zu entdecken: Rätsel, Gewinnspiele, Tipps und weitere interessante Geschichten und Berichte. Am besten findet ihr es einfach selbst im neuen Kinder-Echo heraus!

Viel Spaß beim Durchforsten der neuen Ausgabe und dem Entdecken noch vieler anderer Themen wünscht euch das Kinder-Echo-Team!

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