08. Juli 2009 | Von Andrea Stütz
Die Vogelspinne
Musterstadt. Exotische Tiere (Teil 4)

|
|
VOGELSPINNEN wie „Thekla“ sind für viele Menschen ein Horror! (Foto: Andrea Stütz)
Findet ihr Spinnen eklig? Das geht vielen so. Manche Menschen haben so sehr Angst vor Spinnen, dass sie wildes Herzklopfen bekommen und anfangen zu schreien, wenn sie eine sehen. Ich gebe ja zu: Mir geht das auch so. Eine Spinne anfassen? Niemals!
Trotzdem habe ich mich auf den Weg nach Rodgau-Dudenhofen zu Tier- und Naturschutzreferentin Petra Simon gemacht und für euch nachgefragt: Ist diese Angst vor Spinnen begründet und sind Vogelspinnen wirklich gefährlich?
Petra Simon besitzt selbst drei Vogelspinnen und kennt sich gut mit den Tieren aus. Was sagt sie: Wie ist das mit der Spinnenangst? „Wir Menschen glauben immer, die Tiere würden darauf warten, uns zu beißen oder anzuspringen. Das ist Quatsch. Diese Ängste entstehen durch schlechte Gedanken. Denkt man an etwas Schönes, hat man ein gutes Gefühl. Wir haben Angst vor Spinnen, weil wir uns mit ihnen nicht auskennen. Denn wenn ich mich mit etwas auskenne, habe ich keine Angst.“ Ach ja? Dann wollen wir alles über Vogelspinnen wissen...
Es gibt rund 40 000 bekannte Arten von „echten Spinnen“ beziehungsweise „Webspinnen“. Davon zählen 900 zu den Vogelspinnen – und alle sind giftig! Giftig heißt aber nicht automatisch „gefährlich für Menschen“. Das sind nur gut 10 Arten weltweit. Bei den vermeintlich gefährlichen Vogelspinnen wirkt das Gift beim Menschen ungefähr so stark wie das einer Biene oder Wespe. Und es wird nur gefährlich, wenn jemand allergisch auf das Gift reagiert.
|
|
„VORSICHT,ich bin sauer!“ soll diese Drohgebärde der „Weißen Smitti“ dem Angreifer vermitteln. (Foto: Andrea Stütz)
Der Biss selbst aber ist sehr schmerzhaft. Vogelspinnen haben nämlich entsprechend ihrer Größe vorne am Mund auch große Kiefer- oder Giftklauen, sogenannte Chelizeren. Diese können sie nach vorne wie ein Taschenmesser ausklappen, um zuzupacken und zu beißen. Bei den bis zu 30 Zentimeter großen Riesenvogelspinnen in Südamerika können die Klauen bis zu 2,5 Zentimeter lang sein. Stellt euch mal vor, die dringen in eure Haut ein... Aua! Außerdem sind an den Chelizeren viele Bakterien. Deshalb kann sich die Bisswunde entzünden.
Doch bevor eine Spinne zubeißt, muss einiges passieren. Das zeigt der Versuch mit Petra Simons Vogelspinnen „Thekla“ und „Anita“: Sie beginnt eine nach der anderen zu reizen... Zuerst versuchen die Spinnen zu flüchten. Klappt das nicht und man reizt sie weiter, indem man sie anschubst, rumträgt oder ihnen den Fluchtweg abschneidet, steigt die Gefahr. Nun beginnen die Vogelspinnen zu drohen: Sie strecken jeweils ihre vorderen Beine in die Luft, um größer auszusehen und klappen ihre Chelizeren aus. Das ist der letzte Warnschuss vor der Attacke! Viele Menschen wären sicher schneller sauer geworden...
Aber wozu brauchen Spinnen ihr Gift überhaupt? Gelegentlich setzen sie es zwar zur Abwehr ein, aber eigentlich brauchen sie das Gift, um zu essen. Vogelspinnen haben außer ihren Kieferklauen keine Zähne.
Da Vogelspinnen keine Radnetze für die Beutejagd weben, wie wir sie von unseren Spinnen kennen, lauern sie in einem Versteck auf ein Beutetier, das sie blitzschnell mit ihren zangenartigen Mundwerkzeugen packen, mit einem Biss töten, um dann über Drüsen ihr Gift, das ein Verdauungssaft ist, in ihre Beute zu spritzen. Der Verdauungssaft macht die Beute flüssig. „Dann lutschen und saugen sie an ihrer Beute so wie ihr Caprisonne trinkt“, erklärt Petra Simon.
Vogelspinnen verdauen also außerhalb ihres Körpers und
|
|
HIER SPINNT JEMAND: Viele südamerikanische Arten bauen solche Wohnhöhlen. (Foto: St. Keeling)
essen erst dann. Und zwar alles, was sie überwältigen können. Meistens stehen Insekten wie Heuschrecken, Kakerlaken und Grillen auf dem Speiseplan. Manche erlegen auch Tausendfüßler und Skorpione. Größere Arten trauen sich sogar an kleine Echsen, Schlangen und Nagetiere ran.
Und Vögel? Schließlich heißt die Vogelspinne ja „Vogel“-Spinne... Die fressen Vogelspinnen, wenn überhaupt, nur selten. Umgekehrt aber gibt es größere Vögel sowie auch Reptilien, die Jagd auf Vogelspinnen machen.
Apropos größere, kleinere... wie groß kann eine Vogelspinne eigentlich werden? Es gibt Arten, deren Körper wird nur
etwa einen Zentimeter groß. Der Hinterleib einer ausgewachsenen „Theraphosia blondi“ aber kann im Ausnahmefall so groß wie ein
Tennisball und insgesamt 12 Zentimeter lang werden. Rechnet man die Beine hinzu, wird sie knapp 30 Zentimeter groß!
Vogelspinnen sind nicht nur unterschiedlich groß und haben unterschiedliche Vorlieben was das Essen betrifft, manche Arten ziehen es zum Beispiel vor, hauptsächlich auf Bäumen zu wohnen. Sie bauen sich entweder in Bodennähe ein Gespinst mit der Seide, die sie mit ihren vier Spinnwarzen am Hinterleib produzieren. Oder sie legen mit der Zeit ein regelrechtes Wohnsystem aus Seide zwischen mehreren Ästen an. Dabei handelt es sich meistens um südamerikanische Arten.
Andere Vogelspinnen leben lieber auf dem Boden. Sie buddeln sich eine Höhle oder beziehen verlassene Behausungen von Nagetieren und polstern diese mit Laub und Moos aus. Wieder andere sind echte Erdbewohner. Sie graben oft metertief reichende Wohnröhren in den Erdboden hinein.
|
|
EIN BISS mit diesen großen Giftklauen ist äußerst schmerzhaft. Das Gift selbst ist nicht lebengefährlich. (Foto: Andrea Stütz)
Und wo beziehen Vogelspinnen ihre Behausungen? Im Prinzip auf der ganzen Welt, in der Nähe oder südlich des Äquators. Hauptsache, es ist schön warm. Einige Exemplare könnt ihr sogar in Europa finden, zum Beispiel in Italien, der Türkei und in Spanien. Besonders viele gibt es in Asien, in Afrika und vor allem in Süd- und Mittelamerika.
Auch die drei Vogelspinnen, die Petra Simon gehören – eine „Kraushaar-“ und eine „Rotknievogelspinne“ sowie eine „Weiße Smitti“ – stammen ursprünglich aus süd- und mittelamerikanischen Ländern wie Brasilien, Mexico, Honduras und Costa Rica. Da Petra Simon jedoch welche in ihrem Wohnzimmer hält, nutzen wir die Gelegenheit für Fotos.
Sie holt also Kraushaar-Vogelspinne „Thekla“ aus ihrem Terrarium heraus. Unsere Abmachung lautet nämlich: Ich darf für euch aus nächster Nähe Fotos von ihren Vogelspinnen machen. Dafür muss ich eine anfassen. Schluck. Na gut, wie war das nochmal: Niemals!
Nein, das meinte ich nicht, sondern: Ein komisches Gefühl entsteht durch schlechte Gedanken. Denk an was Schönes, dann fühlst du dich gut... Also: „Thekla will mir nichts antun. Kraushaar-Vogelspinnen gehören zu den friedlichsten überhaupt...“ Thekla sitzt ruhig auf einer Glasscheibe und interessiert sich nicht für mich. Ich streichle ihr über den Rücken und stelle fest: „Mensch, eigentlich ist diese Monsterspinne total klein und zerbrechlich!“ Würde sie aus knapp einem Meter Höhe auf den Boden fallen, wäre das ihr Tod, weil ihr weicher Hinterleib beim Aufprall platzen und das Tier verbluten würde.
|
|
EINE VOGELSPINNE fühlt sich an wie ein Weidenkätzchen. (Foto: Andrea Stütz
Noch erstaunlicher ist: Thekla fühlt sich ganz flauschig an – ihr werdet‘s nicht glauben, wie ein dickes, weiches, großes Weidenkätzchen.
Eine Vogelspinne fühlt sich an wie ein Weidenkätzchen. Das ist alles andere als hässlich und eklig! Das ist ein wirklich schöner Gedanke!